Glossar

Materialzeugnis digital

Ein Materialzeugnis belegt Eigenschaften und Herkunft eines Werkstoffs; digital wird es beim Wareneingang erfasst, Chargen zugeordnet und auftragsbezogen auffindbar abgelegt.

Ein Materialzeugnis, je nach Art auch als Werkszeugnis oder Abnahmeprüfzeugnis bezeichnet, bescheinigt die Eigenschaften eines gelieferten Werkstoffs. Es enthält typischerweise Werkstoffbezeichnung, Chargen- oder Schmelzennummer, Abmessungen, chemische Zusammensetzung, mechanische Kennwerte sowie Angaben zu Hersteller und Prüfstelle. Die Zeugnisarten unterscheiden sich darin, ob die Angaben nicht spezifisch, spezifisch oder durch eine unabhängige Stelle geprüft sind; welche Art im Einzelfall gefordert ist, ergibt sich aus den einschlägigen Regelwerken und dem Vertrag und ist projektbezogen zu prüfen.

Gebraucht wird das Zeugnis im Metallbau und Stahlbau, in Teilen des Rohbaus bei Bewehrung und Betonzusatzstoffen sowie bei druckführenden Bauteilen im Anlagenbau. Der Zweck ist die Rückverfolgbarkeit: Zu einem eingebauten Bauteil muss belegbar sein, aus welchem Material es besteht und woher dieses stammt. Das ist Teil der CE-Dokumentation und bei Schadensfällen die entscheidende Grundlage.

Zu beachten ist außerdem der Zeitpunkt der Anforderung. Zeugnisse müssen bei der Bestellung ausdrücklich verlangt werden, weil sie je nach Art gesondert ausgestellt oder von einer unabhängigen Stelle geprüft werden. Wird die Anforderung erst bei der Anlieferung oder gar bei der Abnahme gestellt, ist die Beschaffung aufwendig, mit Lieferzeit verbunden und für die bereits gelieferte Charge teilweise gar nicht mehr möglich.

Bezug zur Digitalisierung

Der übliche Zustand ist bekannt: Zeugnisse kommen als PDF per Mail oder als Papier mit dem Lieferschein, werden in einen Ordner geheftet und liegen dort, bis jemand danach fragt. Die Zuordnung zwischen Zeugnis, Materialstück im Lager und fertigem Bauteil existiert oft nur im Kopf des Werkstattleiters. Wird ein Stück Material für zwei Aufträge verwendet, ist die Zuordnung nachträglich kaum rekonstruierbar.

Digital beginnt die Kette beim Wareneingang. Das Zeugnis wird erfasst, die Chargennummer aufgenommen und dem Materialstück zugeordnet, das im Lager mit einem Etikett gekennzeichnet wird. Beim Zuschnitt wird das Etikett gescannt und die Charge auf das Bauteil weitergeschrieben. Damit steht am fertigen Bauteil fest, aus welcher Charge es besteht, ohne dass jemand mitschreibt.

KI setzt bei der Erfassung an. Jeder Lieferant verwendet ein eigenes Zeugnislayout, teils mehrsprachig, teils als Scan. OCR in Verbindung mit Sprachmodellen liest Werkstoff, Charge, Abmessung und Kennwerte aus und legt das Dokument mit diesen Merkmalen ab. Was bisher händisch erfasst oder gar nicht erfasst wurde, wird damit durchsuchbar.

Der zweite Nutzen liegt in der Prüfung. Ein Abgleich zwischen bestelltem und geliefertem Werkstoff meldet Abweichungen beim Wareneingang statt in der Fertigung. Und eine Vollständigkeitsprüfung zeigt vor der Auslieferung, für welche Bauteile eines Auftrags noch kein Zeugnis vorliegt.

Zu regeln ist außerdem die Aufbewahrung. Zeugnisse werden im Schadensfall Jahre nach der Ausführung benötigt und gehören deshalb in die Objektdokumentation, nicht nur in die Lagerverwaltung. Sinnvoll ist, sie zusammen mit der Bauteilkennzeichnung zu archivieren, damit die Verbindung zwischen Dokument und eingebautem Bauteil erhalten bleibt, auch wenn die Materialbestände längst aufgebraucht sind.

Der Einstieg gelingt am ehesten über die Chargenkennzeichnung im Lager. Ohne sie bleibt jede Digitalisierung der Zeugnisse eine bessere Ablage, aber keine Rückverfolgbarkeit.

FAQ

Häufige Fragen zu Materialzeugnis digital

Wann muss das Zeugnis angefordert werden?
Bereits bei der Bestellung. Zeugnisse werden je nach Art gesondert ausgestellt oder von einer unabhängigen Stelle geprüft und lassen sich nicht ohne Weiteres nachreichen. Wird die Anforderung erst bei der Anlieferung oder gar bei der Abnahme gestellt, ist die Beschaffung aufwendig, mit Lieferzeit verbunden und für die bereits gelieferte Charge teilweise gar nicht mehr möglich.
Welche Zeugnisart brauche ich im konkreten Projekt?
Das ergibt sich aus den einschlägigen Regelwerken und aus dem Vertrag und ist projektbezogen zu prüfen. Die Arten unterscheiden sich darin, ob die Angaben nicht spezifisch, spezifisch oder durch eine unabhängige Stelle geprüft sind. Sinnvoll ist, diese Anforderung vor der Angebotsabgabe zu klären, weil sie Beschaffung, Lieferzeit und Preis der Vormaterialien beeinflusst.
Wo scheitert die Rückverfolgbarkeit in der Praxis?
An der fehlenden Verbindung zwischen Dokument, Materialstück und fertigem Bauteil. Zeugnisse liegen als PDF im Postfach oder als Papier im Ordner, die Zuordnung existiert nur im Kopf des Werkstattleiters. Wird ein Stück Material für zwei Aufträge verwendet, ist die Zuordnung nachträglich kaum rekonstruierbar. Ohne Chargenkennzeichnung im Lager bleibt jede Digitalisierung eine bessere Ablage.
Wie lange müssen Zeugnisse aufbewahrt werden und wo?
Zeugnisse werden im Schadensfall häufig Jahre nach der Ausführung gebraucht; die konkreten Fristen ergeben sich aus Vertrag und der jeweils geltenden Regelung und sind im Einzelfall zu prüfen. Ablageort ist die Objektdokumentation, nicht allein die Lagerverwaltung. Sinnvoll ist die Archivierung zusammen mit der Bauteilkennzeichnung, damit die Verbindung erhalten bleibt, wenn die Materialbestände längst aufgebraucht sind.

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