Glossar

Digitalisierungsgrad

Der Digitalisierungsgrad beschreibt, in welchem Umfang die Prozesse eines Betriebs durchgängig digital abgebildet sind, und wird als Anteil oder Reifegradstufe angegeben.

Der Digitalisierungsgrad ist eine zusammenfassende Kennzahl dafür, wie weit ein Betrieb seine Abläufe digital abgebildet hat. Zwei Messansätze sind gebräuchlich. Der Anteilsansatz listet alle relevanten Prozesse auf und bildet den Anteil der digital durchgängigen Prozesse an der Gesamtzahl. Der Reifegradansatz bewertet jeden Prozess auf einer Skala, etwa von rein analog über digital erfasst, digital durchgängig bis automatisiert, und bildet daraus einen Durchschnitt. Der Reifegradansatz ist im Handwerk meist praktikabler, weil er Zwischenschritte sichtbar macht.

Bewertet werden die tatsächlich vorhandenen Abläufe: Anfrage und Angebot, Auftragsabwicklung, Zeiterfassung, Materialwirtschaft, Baustellendokumentation, Aufmaß, Rechnungsstellung, Buchhaltung, Personalverwaltung. Ein Dachdecker kann bei der Zeiterfassung bereits durchgängig digital sein, beim Aufmaß aber noch mit Blatt und Zollstock arbeiten. Ein Elektriker nutzt eine Handwerkersoftware für Angebote, überträgt Rechnungen aber manuell in die Buchhaltung. Ein Bauunternehmen führt das Bautagebuch digital, hält Nachträge aber per E-Mail fest. Der Wert der Kennzahl liegt nicht im Vergleich mit anderen Betrieben, sondern darin, dass die Bestandsaufnahme die Lücken benennt.

Bei der Bewertung ist Vorsicht geboten, weil die Kennzahl leicht zum Selbstzweck wird. Entscheidend ist nicht, wie viele Programme im Einsatz sind, sondern ob die Abläufe schneller, sicherer und nachvollziehbarer werden. Ein Betrieb mit fünf Insellösungen ohne Schnittstellen kann formal einen hohen Digitalisierungsgrad ausweisen und dennoch mehr Aufwand haben als vorher, weil Daten zwischen den Systemen übertragen werden müssen. Deshalb gehört die Medienbruchquote immer mit betrachtet. Ebenso zählt die tatsächliche Nutzung: Software, die angeschafft, aber von den Monteuren umgangen wird, verbessert keinen Prozess und sollte in der Bewertung nicht als digitalisiert gelten.

Bezug zur Digitalisierung

Ein hoher Digitalisierungsgrad ist die Voraussetzung für alles Weitere. Ohne digitale, strukturierte Daten gibt es keine Auswertbarkeit, keine sinnvolle Automatisierung und keine belastbare KI-Anwendung. Die E-Rechnung hat für den Rechnungsausgang bereits verbindliche Vorgaben geschaffen. Für Investitionen in Software und Beratung existieren Förderprogramme, etwa go-digital oder Digitalbonus einzelner Länder.

Für die Bewertung empfiehlt sich eine einheitliche Skala mit klar beschriebenen Stufen, damit die Einschätzung nachvollziehbar bleibt und im Folgejahr von derselben Grundlage ausgeht. Beteiligt werden sollten dabei die Mitarbeiter, die den Prozess täglich ausführen, weil die Betriebsleitung den tatsächlichen Ablauf oft anders einschätzt als die Baustelle.

Sinnvoll ist eine schriftliche Bestandsaufnahme aller Prozesse mit einer Bewertung je Prozess, wiederholt einmal jährlich. Daraus ergibt sich eine Reihenfolge für die Umsetzung, die sich an Aufwand und Wirkung orientiert und nicht daran, welches Werkzeug gerade beworben wird. Der Ratgeber KI im Handwerk einführen beschreibt das Vorgehen im Detail.

FAQ

Häufige Fragen zu Digitalisierungsgrad

Welcher Messansatz ist im Handwerk sinnvoller?
Meist der Reifegradansatz, weil er Zwischenschritte sichtbar macht. Ein Prozess kann digital erfasst, aber nicht durchgängig sein, etwa wenn Stunden in einer App gebucht und danach in die Lohnabrechnung abgetippt werden. Der reine Anteilsansatz bewertet solche Fälle entweder als digital oder als analog und verdeckt damit genau den Bruch.
Wie oft sollte die Kennzahl erhoben werden?
Eine jährliche Erhebung reicht in den meisten Betrieben aus, sinnvollerweise zum selben Zeitpunkt wie andere Jahresauswertungen. Häufigere Messungen erzeugen Aufwand ohne Erkenntnisgewinn, weil sich Abläufe nicht monatlich ändern. Wichtiger als die Frequenz ist, dass immer dieselbe Prozessliste und dieselbe Skala verwendet werden.
Was ist der häufigste Fehler bei der Bewertung?
Die Bewertung des gewünschten statt des tatsächlichen Zustands. Wenn eine Software vorhanden ist, aber die Hälfte des Teams weiterhin Zettel schreibt, ist der Prozess nicht digital. Aussagekräftig wird die Erhebung erst, wenn die Personen befragt werden, die den Ablauf ausführen, und nicht nur die Geschäftsführung.
Was mache ich mit dem Ergebnis?
Nicht alle Lücken gleichzeitig schließen, sondern die auswählen, die den größten Zeitverlust oder das größte Fehlerrisiko verursachen. Häufig ist das der Übergang zwischen zwei Systemen, an dem Daten abgetippt werden. Ein Vorhaben pro Halbjahr ist realistischer als ein Gesamtprogramm, das im Tagesgeschäft liegen bleibt.

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